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Gleiwitzer Geschichte




  -   Die Vertreibung der Schönwälder im Jahr 1945



Die Vertreibung der Schönwälder im Jahr 1945


Die schlimmste, tragische Zeit für die Dorfbewohner kam mit dem Anfang des Jahres 1945. Bereits im Januar dieses Jahres ist eine zahlreiche Gruppe aus Furcht vor der heranrückenden Front in den Westen geflüchtet. Geblieben sind etwa 1000 Personen, vor allem Ältere, Kranke, auch viele Frauen mit minderjährigen und kleinen Kindern, schwangere Frauen, welche sich auf das Martyrium während der Flucht nicht entscheiden wollten oder auch nicht konnten. Manche wollten die Gehöfte, die väterliche Scholle nicht verlassen und auch das Vieh dem Schicksal aussetzen. Sie verpflichteten sich zugleich, die Tiere in den verlassenen Bauernhöfen zu versorgen.
Als die Sowjets in das Dorf kamen - von Seite der Dorfbewohner ist kein Schuß gefallen - ermordeten sie ca. 200 Personen; 300 weitere Schönwälder sind in sowjetische oder polnische Konzentrationslager gebracht worden - von ihnen sind nur wenige am Leben geblieben. Die "Sieger" zerstörten über 100 Wohnhäuser, um die 100 Wirtschaftsgebäude, 7 Geschäfte und viele weitere Einrichtungen. Im Pfarrhaus hat sich der sowjetische Kommandant eingerichtet. Die Verbliebenen wählten ihren Kaplan, Edgar Wolf, zum vorläufigen Bürgermeister. Der Kaplan sollte die Verantwortung gegenüber dem Kommandanten für die Ereignisse im Dorf übernehmen. Er hat dabei eine gewisse Anerkennung in den Augen der Sowjets gefunden. Nachdem jedoch der Kommandant das Dorf verlassen hatte, blieben die Bewohner der Willkür der verbliebenen Soldaten ausgesetzt. Die Rotarmisten zwangen zu Arbeitseinsätzen, organisierten Verschleppungen in die Sowjetunion, vergewaltigten Frauen und plünderten rücksichtslos. Die deportierten Männer wurden nicht direkt in den Osten transportiert; man brachte sie zuvor in die alten Kasernen an der Ludendorfstraße (ul. Labedzka) und in das große Konzentrationslager in Laband, woraus noch der Einsatz bei der Demontage von Maschinen und Anlagen in oberschlesichen Fabriken folgte, weil die Sowjets diese Ausrüstung den verbündeten Polen nicht überlassen wollten.
Für die Schönwälder, die am Leben blieben, endete die Zeit in ihrer Heimat im Herbst 1945. Am 16. Oktober wurde das Dorf von einer großen Abteilung der Miliz überfallen und umzingelt; die deutschen Bewohner wurden gezwungen ihr Dorf zu verlassen. Noch vor diesem Überfall hatten Funktionäre des Gleiwitzer Sicherheitsdienstes eine Gruppe von Bewohnern, unter ihnen Frauen, Mädchen sowie Kaplan Wolf und dessen Schwester verhaftet und ins gleiwitzer Gefängnis, in dem noch die blutige Lola Potok herrschte, gebracht. Um den Geistlichen unkenntlich zu machen hat man ihm den weißen Kragen abgenommen und Zivilkleidung aufgezwungen - mit gefesselten Händen ist er abgeführt worden. Während der zahlreichen und langen Vernehmungen, wurden Männer, aber auch Frauen, bestialisch gefoltert. Die Häftlinge bekamen einmal täglich trockenes Brot und Leitungswasser als Verpflegung. Bis 10 Personen drängten sich in den Zellen. Nach der Haft im Gefängnis wurden die Opfer ins Vernichtungslager nach Schwientochlowitz (Zgoda) gebracht, wo viele - unter Ihnen Kaplan Edgar Wolf und seine Schwester - einen schrecklichen Tod fanden.*  
An dieser Stelle sollte noch kurz über die Form der Vertreibung, der seit Jahrhunderten an diesem Ort ansässigen, geschlossenen deutschen**   ländlichen Bevölkerung Schönwalds berichtet werden: An jenem Herbsttag strömten vormittags bewaffnete Milizionäre von allen Seiten ins Dorf und befahlen den Einwohnern, unter Androhung strenger Strafen, sich sofort in der Nähe der Kirche zu versammeln. So wie sie standen eilten die Menschen aus den Häusern, weil sie mit Geschrei und schußbereiten Waffen gejagt wurden. Voller Entsetzen kamen sie in Pantoffeln, barfuß, mit kleinen Kindern in den Armen. Es trippelten Kranke und Alte herbei, die kaum noch ihre Krücken schnappen konnten. In fast allen Häusern hatte man sogar das kochende Mittagessen auf den Öfen stehen gelassen. Niemand durfte irgendwas mitnehmen, man vermutete übrigens nicht, daß das schon das Ende sein sollte. Die Dorfbewohner dachten, daß sie zu einer Kundgebung gerufen wurden und danach wieder in ihre Häuser zurückkehren würden.
Aber niemand kehrte zurück, weder um eine Scheibe Brot, noch um einen Schluck Milch für die kleinen Kinder. Gleichzeitig durchkämmte eine Sondereinheit die Felder und holte die dort arbeitenden Bauern zum Sammelplatz. Die Pferde wurden ihnen weggenommen. Nach einigen Stunden, vor den Augen der entsetzten Schönwälder, gab es Streit und sogar Schlägereien um die hervorragend eingerichteten und ausgestatteten Bauernhöfe. Die neuen Eigentümer, gleichfalls unglücklich, waren durch die Sowjets aus ihrer Heimat vertrieben worden, obwohl keinesfalls auf vergleichbare zu den Schönwäldern Art und Weise, weil sie ein Teil ihrer Habe auf den Fuhren mitbringen durften. Der trauriger Zug von geschätzten 550 (700?) kaum bekleideten, vorwiegend barfüßigen Menschen wird von bewaffneten Milizionären in Bewegung gesetzt und ins Konzentrationslager neben der Alten Hütte geführt. Dort werden die Schönwälder unter den schlimmsten Bedingungen einige Tage festgehalten, danach in Gruppen von bis zu 80-90 Personen in Viehwaggons verladen und unter Miliz-Aufsicht in kurzen Abschnitten mit langen Unterbrechungen in 5 Tagen bis zur Grenze gebracht. Während der Fahrt gab es nur einmal täglich trockenes Brot und Wasser. Die von Außen verschlossenen Waggons wurden erst nach zwei Tagen geöffnet, um die vielen Verstorbenen in Gräben neben den Schienen zu verscharren.***
Die Überlebenden hatten in diesem Zug nach zwei Wochen Mecklenburg erreicht. Es sollte noch hinzugefügt werden, daß die Milizen während des Transportes wiederholte, erniedrigende, insbesondere für Frauen und Mädchen, Kontrollen auf der Suche nach "geschmuggelten" Wertstücken durchführten. Kein noch so kleines Kreuz am Hals, weder ein goldener Trauring am Finger durften die Vertriebenen behalten. Sicherlich ist das kein typisches Bild von Vertreibungen in jener Zeit, es steht allerdings im schreienden Gegensatz zu den amtlichen Versionen von Aussiedlungen, die aufgrund von gefälschten Berichten diese Aktionen als fast idyllische Angelegenheiten präsentierten.****   Den Schönwäldern gebührt Entschuldigung, wenn schon nicht für die Vertreibung, da wenigstens für die verbrecherische Form deren Durchführung. Übrigens, den neuen Schönwäldern, den Ankömmlingen aus dem Osten, sollte ebenfalls eine Entschuldigung gewährt werden. Das ist jedoch eine andere Angelegenheit und auch Andere sollten sich bei ihnen entschuldigen.
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*)  Verständlich ist das Gefühl der fanatischen Rache bei Menschen, die selbst vor nicht allzu langen Zeit in deutschen Konzentrationslagern inhaftiert waren. Es kam allerdings vor und zwar nicht selten, daß sich diese Menschen nach einer gewissen Zeit sich besonnen hatten, und erschreckt über die eigenen Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung, plötzlich alles zurückließen und für Jahrzehnte spurlos verschwanden. So handelte ebenfalls die erwähnte Lola Potok, obwohl, so die Meinung einiger noch lebenden Zeitzeugen, sie nicht die Erkenntnis der begangenen Verbrechen verjagt hatte, als eher die angeeigneten großen materiellen Güter, über die diese Multimillionärin bis heute verfügt. Es ist schwierig zu erforschen, wie es damals wirklich war, weil die Dokumentation des gleiwitzer Gefängnisses aus diesen Jahren sorgfältig beseitigt wurde... Erstaunlich ist jedoch die Tatsache, daß 1945 die Funktionen der Direktoren im gleiwitzer Gefängnis, kaum volljährigen Frauen, ohne entsprechender Ausbildung, dafür mit eigenartiger persönlicher Einstellung anvertraut wurden. Bei der Ausübung ihrer Rache - einer schrecklichen Rache - wurden die Frauen stillschweigend unterstützt. Die damaligen Behörden stimmten nicht nur den mörderischen Aktivitäten der beiden jungen und hübschen Frauen, die das Gefängnis leiteten, zu - aber gratulierten sich auch angeblich, daß sie die schmutzige Arbeit fremden Händen überlassen konnten. Klagen waren zwecklos gewesen, weil diese Leute - die ihre bolschewistische Herkunft hervorhoben - polnische Patrioten, die im Westen gekämpft hatten, nach deren Rückkehr in die Heimat ebenfalls folterten.

**) Deutsche Kolonisten, die in den Nachbarorten siedelten, hatten sich mit der einheimischen slawischen Bevölkerung verschmolzen. Die Schönwälder behielten über Jahrhunderte ihre deutsche Identität. Eheschließungen erfolgten in stets sich vergrößerten Familienkreisen, was bekannte Komplikationen zur Folge hatte.

***) Es starben vor allem kleine Kinder, junge Mädchen sowie ältere und kranke Menschen.

****) Es genügte seiner Zeit in die, später rätselhaft verschwundene, Chronik der Gleiwitzer Akademischen Miliz hinein zu blicken (vielleicht schaute man doch hinein, aber der Inhalt passte nicht zu den kommunistischen Versionen der Ereignisse), wo Probleme und auch Formen der Aussiedlungen auch, obwohl marginal, festgehalten wurden. Eine bestialisch geschlagene schwangere junge Frau, "die sich erlaubt hatte" ihr kleines Kreuz auf einer dünnen Halskette - ein Andenken an die Erste Kommunion - "zu verstecken" ist eins von vielen Beispielen, die die o.g. Chronik beinhaltete. Die Chronik ist verschwunden, weil sie nach Jahren ein Zeugnis von abscheulichen Praktiken der später geschätzten Bürger geben würde.

Aus:
Jacek Schmidt: Koscioly Ziemi Gliwickiej.
Die Kirchen der Diözese Gleiwitz. Bojków. Schönwald.
Gliwice 2007


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