Gleiwitzer Kreis Gleiwitz und der Gleiwitzer Kreis, Krieg, Opfer

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Es waren Kriegszeiten



  -   Schönwald                  -       Die Vertreibung der Schönwälder
  -   Der Krieg und seine Opfer                  -       Einige Gedanken zu den schon historischen Zeiten
  -   Liesel                   -       Eine Niederschrift
  -   Kriegszeiten       -     Erinnerungen von Ella Kassandra




Die Vertreibung der Schönwälder im Jahr 1945


Die schlimmste, tragische Zeit für die Dorfbewohner kam mit dem Anfang des Jahres 1945. Bereits im Januar dieses Jahres ist eine zahlreiche Gruppe aus Furcht vor der heranrückenden Front in den Westen geflüchtet. Geblieben sind etwa 1000 Personen, vor allem Ältere, Kranke, auch viele Frauen mit minderjährigen und kleinen Kindern, schwangere Frauen, welche sich auf das Martyrium während der Flucht nicht entscheiden wollten oder auch nicht konnten. Manche wollten die Gehöfte, die väterliche Scholle nicht verlassen und auch das Vieh dem Schicksal aussetzen. Sie verpflichteten sich zugleich, die Tiere in den verlassenen Bauernhöfen zu versorgen.
Als die Sowjets in das Dorf kamen - von Seite der Dorfbewohner ist kein Schuß gefallen - ermordeten sie ca. 200 Personen; 300 weitere Schönwälder sind in sowjetische oder polnische Konzentrationslager gebracht worden - von ihnen sind nur wenige am Leben geblieben. Die "Sieger" zerstörten über 100 Wohnhäuser, um die 100 Wirtschaftsgebäude, 7 Geschäfte und viele weitere Einrichtungen. Im Pfarrhaus hat sich der sowjetische Kommandant eingerichtet. Die Verbliebenen wählten ihren Kaplan, Edgar Wolf, zum vorläufigen Bürgermeister. Der Kaplan sollte die Verantwortung gegenüber dem Kommandanten für die Ereignisse im Dorf übernehmen. Er hat dabei eine gewisse Anerkennung in den Augen der Sowjets gefunden. Nachdem jedoch der Kommandant das Dorf verlassen hatte, blieben die Bewohner der Willkür der verbliebenen Soldaten ausgesetzt. Die Rotarmisten zwangen zu Arbeitseinsätzen, organisierten Verschleppungen in die Sowjetunion, vergewaltigten Frauen und plünderten rücksichtslos. Die deportierten Männer wurden nicht direkt in den Osten transportiert; man brachte sie zuvor in die alten Kasernen an der Ludendorfstraße (ul. Labedzka) und in das große Konzentrationslager in Laband, woraus noch der Einsatz bei der Demontage von Maschinen und Anlagen in oberschlesichen Fabriken folgte, weil die Sowjets diese Ausrüstung den verbündeten Polen nicht überlassen wollten.
Für die Schönwälder, die am Leben blieben, endete die Zeit in ihrer Heimat im Herbst 1945. Am 16. Oktober wurde das Dorf von einer großen Abteilung der Miliz überfallen und umzingelt; die deutschen Bewohner wurden gezwungen ihr Dorf zu verlassen. Noch vor diesem Überfall hatten Funktionäre des Gleiwitzer Sicherheitsdienstes eine Gruppe von Bewohnern, unter ihnen Frauen, Mädchen sowie Kaplan Wolf und dessen Schwester verhaftet und ins gleiwitzer Gefängnis, in dem noch die blutige Lola Potok herrschte, gebracht. Um den Geistlichen unkenntlich zu machen hat man ihm den weißen Kragen abgenommen und Zivilkleidung aufgezwungen - mit gefesselten Händen ist er abgeführt worden. Während der zahlreichen und langen Vernehmungen, wurden Männer, aber auch Frauen, bestialisch gefoltert. Die Häftlinge bekamen einmal täglich trockenes Brot und Leitungswasser als Verpflegung. Bis 10 Personen drängten sich in den Zellen. Nach der Haft im Gefängnis wurden die Opfer ins Vernichtungslager nach Schwientochlowitz (Zgoda) gebracht, wo viele - unter Ihnen Kaplan Edgar Wolf und seine Schwester - einen schrecklichen Tod fanden.*  
An dieser Stelle sollte noch kurz über die Form der Vertreibung, der seit Jahrhunderten an diesem Ort ansässigen, geschlossenen deutschen**   ländlichen Bevölkerung Schönwalds berichtet werden: An jenem Herbsttag strömten vormittags bewaffnete Milizionäre von allen Seiten ins Dorf und befahlen den Einwohnern, unter Androhung strenger Strafen, sich sofort in der Nähe der Kirche zu versammeln. So wie sie standen eilten die Menschen aus den Häusern, weil sie mit Geschrei und schußbereiten Waffen gejagt wurden. Voller Entsetzen kamen sie in Pantoffeln, barfuß, mit kleinen Kindern in den Armen. Es trippelten Kranke und Alte herbei, die kaum noch ihre Krücken schnappen konnten. In fast allen Häusern hatte man sogar das kochende Mittagessen auf den Öfen stehen gelassen. Niemand durfte irgendwas mitnehmen, man vermutete übrigens nicht, daß das schon das Ende sein sollte. Die Dorfbewohner dachten, daß sie zu einer Kundgebung gerufen wurden und danach wieder in ihre Häuser zurückkehren würden.
Aber niemand kehrte zurück, weder um eine Scheibe Brot, noch um einen Schluck Milch für die kleinen Kinder. Gleichzeitig durchkämmte eine Sondereinheit die Felder und holte die dort arbeitenden Bauern zum Sammelplatz. Die Pferde wurden ihnen weggenommen. Nach einigen Stunden, vor den Augen der entsetzten Schönwälder, gab es Streit und sogar Schlägereien um die hervorragend eingerichteten und ausgestatteten Bauernhöfe. Die neuen Eigentümer, gleichfalls unglücklich, waren durch die Sowjets aus ihrer Heimat vertrieben worden, obwohl keinesfalls auf vergleichbare zu den Schönwäldern Art und Weise, weil sie ein Teil ihrer Habe auf den Fuhren mitbringen durften. Der trauriger Zug von geschätzten 550 (700?) kaum bekleideten, vorwiegend barfüßigen Menschen wird von bewaffneten Milizionären in Bewegung gesetzt und ins Konzentrationslager neben der Alten Hütte geführt. Dort werden die Schönwälder unter den schlimmsten Bedingungen einige Tage festgehalten, danach in Gruppen von bis zu 80-90 Personen in Viehwaggons verladen und unter Miliz-Aufsicht in kurzen Abschnitten mit langen Unterbrechungen in 5 Tagen bis zur Grenze gebracht. Während der Fahrt gab es nur einmal täglich trockenes Brot und Wasser. Die von Außen verschlossenen Waggons wurden erst nach zwei Tagen geöffnet, um die vielen Verstorbenen in Gräben neben den Schienen zu verscharren.***
Die Überlebenden hatten in diesem Zug nach zwei Wochen Mecklenburg erreicht. Es sollte noch hinzugefügt werden, daß die Milizen während des Transportes wiederholte, erniedrigende, insbesondere für Frauen und Mädchen, Kontrollen auf der Suche nach "geschmuggelten" Wertstücken durchführten. Kein noch so kleines Kreuz am Hals, weder ein goldener Trauring am Finger durften die Vertriebenen behalten. Sicherlich ist das kein typisches Bild von Vertreibungen in jener Zeit, es steht allerdings im schreienden Gegensatz zu den amtlichen Versionen von Aussiedlungen, die aufgrund von gefälschten Berichten diese Aktionen als fast idyllische Angelegenheiten präsentierten.****   Den Schönwäldern gebührt Entschuldigung, wenn schon nicht für die Vertreibung, da wenigstens für die verbrecherische Form deren Durchführung. Übrigens, den neuen Schönwäldern, den Ankömmlingen aus dem Osten, sollte ebenfalls eine Entschuldigung gewährt werden. Das ist jedoch eine andere Angelegenheit und auch Andere sollten sich bei ihnen entschuldigen.
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*)  Verständlich ist das Gefühl der fanatischen Rache bei Menschen, die selbst vor nicht allzu langen Zeit in deutschen Konzentrationslagern inhaftiert waren. Es kam allerdings vor und zwar nicht selten, daß sich diese Menschen nach einer gewissen Zeit sich besonnen hatten, und erschreckt über die eigenen Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung, plötzlich alles zurückließen und für Jahrzehnte spurlos verschwanden. So handelte ebenfalls die erwähnte Lola Potok, obwohl, so die Meinung einiger noch lebenden Zeitzeugen, sie nicht die Erkenntnis der begangenen Verbrechen verjagt hatte, als eher die angeeigneten großen materiellen Güter, über die diese Multimillionärin bis heute verfügt. Es ist schwierig zu erforschen, wie es damals wirklich war, weil die Dokumentation des gleiwitzer Gefängnisses aus diesen Jahren sorgfältig beseitigt wurde... Erstaunlich ist jedoch die Tatsache, daß 1945 die Funktionen der Direktoren im gleiwitzer Gefängnis, kaum volljährigen Frauen, ohne entsprechender Ausbildung, dafür mit eigenartiger persönlicher Einstellung anvertraut wurden. Bei der Ausübung ihrer Rache - einer schrecklichen Rache - wurden die Frauen stillschweigend unterstützt. Die damaligen Behörden stimmten nicht nur den mörderischen Aktivitäten der beiden jungen und hübschen Frauen, die das Gefängnis leiteten, zu - aber gratulierten sich auch angeblich, daß sie die schmutzige Arbeit fremden Händen überlassen konnten. Klagen waren zwecklos gewesen, weil diese Leute - die ihre bolschewistische Herkunft hervorhoben - polnische Patrioten, die im Westen gekämpft hatten, nach deren Rückkehr in die Heimat ebenfalls folterten.

**) Deutsche Kolonisten, die in den Nachbarorten siedelten, hatten sich mit der einheimischen slawischen Bevölkerung verschmolzen. Die Schönwälder behielten über Jahrhunderte ihre deutsche Identität. Eheschließungen erfolgten in stets sich vergrößerten Familienkreisen, was bekannte Komplikationen zur Folge hatte.

***) Es starben vor allem kleine Kinder, junge Mädchen sowie ältere und kranke Menschen.

****) Es genügte seiner Zeit in die, später rätselhaft verschwundene, Chronik der Gleiwitzer Akademischen Miliz hinein zu blicken (vielleicht schaute man doch hinein, aber der Inhalt passte nicht zu den kommunistischen Versionen der Ereignisse), wo Probleme und auch Formen der Aussiedlungen auch, obwohl marginal, festgehalten wurden. Eine bestialisch geschlagene schwangere junge Frau, "die sich erlaubt hatte" ihr kleines Kreuz auf einer dünnen Halskette - ein Andenken an die Erste Kommunion - "zu verstecken" ist eins von vielen Beispielen, die die o.g. Chronik beinhaltete. Die Chronik ist verschwunden, weil sie nach Jahren ein Zeugnis von abscheulichen Praktiken der später geschätzten Bürger geben würde.

Aus:
Jacek Schmidt: Koscioly Ziemi Gliwickiej.
Die Kirchen der Diözese Gleiwitz. Bojków. Schönwald.
Gliwice 2007

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(Eine Probe, um die Atmosphäre des Kriegsendes der Nachwelt aufzuzeigen)

Augenzeugen jener Tage sind was einmal da rarer

Und es ist eine späte Gelegenheit, sich der tragischen Gegebenheiten des Jahres 1945, zu erinnern.
Hier sollte den Opfern des Krieges, vorrangig den zivilen Menschen, welche im Januar und den späteren Monaten, in Gleiwitz ihr Leben verloren, gedacht werden.

Heute ist es für die meisten Menschen schon kaum vorstellbar, was sich damals in Gleiwitz tat. Der Krieg dauerte das sechste Jahr. Gleiwitz war ärmer an Menschen geworden, denn viele waren vor der heranrückenden Front, vor den Russen, geflohen. Doch viele glaubten, diese Zeit überleben zu können. Weil es doch nur vorübergehend war...
Aber es wurde für viele Leute in Gleiwitz zu einem bitteren Irrtum.

Familienangehörige, Verwandte, Nachbarn, Menschen von der Straße waren für mich die Augenzeugen, welche die furchtbaren Tage und Wochen miterlebt und diese Zeit mit der immerwährenden Angst um ihr Leben verbracht haben. Sie sprachen von Gewalt und Schußwaffen. Von Toten, die irgendwo auf der Straße lagen. Von der schießwütigen, öfters betrunkenen Soldateska. Von der Flucht aus brennenden, mit Benzin oder Petroleum angezündeten, Wohnhäusern. Und nicht zuletzt von den Beerdigungen, auf den Friedhöfen oder irgendwo. In gefrorener, steinharter Erde. Erst waren es Massengräber, später auch Einzelgräber - besonders dann, wenn der Tote noch jemanden hatte, der sich um seine Bestattung kümmern konnte.
So auf dem alten, schon stillgelegten, Friedhof auf der Coseler Straße, in Zentrumnähe. Dort fand man diese, namenslos beerdigten, durch den Propagandaapparat der Volksrepublik natürlich "totgeschwiegenen", Opfer. Nämlich dann, als man diesen alten Friedhof - schon in den späten neunziger Jahren - in einen Park umfunktionieren wollte. Fast fünfhundert kleine Pappsärge wurden mit den Überresten der Ermordeten befüllt, um dann die letztendliche Ruhe auf einem Friehof in Laurahütte zu finden. Näheres zu dieser Aktion kann man an anderer Stelle finden.
Diese Umbettung war eine, praktisch einzige Aktion, auf einer einzigen Stelle, der doch so vielen Friedhöfe der Stadt Gleiwitz. Von den in Einzelgräbern bestatteten Toten spricht heute schon niemand.
Desto bemerkenswerter, daß sogar ein polnischer Historiker die Anzahl der Ermordeten oder namenslos bestatteten Menschen mit über fünfzehnhundert beziffert. (Boguslaw Tracz, "Rok ostatni, rok pierwszy" - ISBN 83-89856-00-X - In diesem Buch hat er viele Tatsachen dieser Tage zusammengetragen - leider nur in Polnisch).

Es ist nicht verwunderlich, daß sich der Gleiwitzer Kreis der vielen Nuancen des Jahres 1945 angenommen hat. Auch versucht hat, das Gedenken daran wachzuhalten. Unter anderem mit einem Denkmal. Das hat zwar Jahre gedauert, doch gelang dieses Projekt im Jahre 2005 in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung! Im Lapidarium auf dem Alten Friedhof steht heute das Denkmal mit den mahnenden Worten, in Deutsch und Polnisch. Wer noch etwas darüber erfahren wollte, dem biete ich die Einsicht in Fragmente des Berichts an, geschrieben im Jahre 2005 für die GK-Mitglieder.


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(Hier ein Tatsachenbericht aus den damaligen Tagen)

Das Martyrium einer jungen Gleiwitzerin im Januar 1945

„Beim Einmarsch der Sowjets (kursiv: Bemerkungen von G.-P. Fabian) - und in den folgenden Tagen sind viele Frauen, die sich gewehrt, und Männer, die sich schützend vor sie gestellt haben, erschossen worden“ - berichtet Monsignore Max Czerwensky in seinem Buch „Schlesien in weiter Ferne“, Seiten 95-96. ...“ Ich kann hier nicht all diese Fälle – so Max Czerwensky – mehr aufzählen. Besonders betroffen aber hat mich das Los von Liesel Kuchmann aus der Johannisstraße gemacht. Sie war ein sehr feines und sauberes Mädchen, Mitglied der Marianischen Jungfrauenkongregation. Als russische Soldaten in die Wohnung eingedrungen waren und sie vergewaltigen wollten, stellte sich die Mutter schützend vor die Tochter. Ein Schuss aus der MP verwundete die Mutter, jedoch nur leicht, traf aber die hinter ihr stehende Tochter so schwer, dass sie zu Boden sank. Mit Mühe und unter Lebensgefahr wurde sie mit einem Handschlitten zunächst zur Krankenstation Brodocz, Hegenscheidtstraße gefahren.....“
Elfriede Brodocz, eine bekannte Gleiwitz-Petersdorfer Friseuse, deren Familie zu „deutschen Zeiten“ die örtliche Krankenstation betreute, Ehefrau des später (1952-1958) populären Schwimmtrainers, Arnold Brodocz, war Chefin von Liesel Kuchmann gewesen. Die weiteren Ereignisse hatte Elfriede Brodocz im Brief an Georg Sachnik, Bremen, einem Jugendfreund des Opfers, zu Weihnachten 1987 wie folgt – wörtlich – geschildert:

I     "Am Sonntag (28. Januar 1945) als Liesel angeschossen war, wollten Kuchmann´s sowieso zu Brodocz in den Keller. Die Johannisstraße weit breit, der Alte Friedhof, die Schulen X und VI bis in den Helishof, Kino + mein Geschäft, da war die Hölle los, auch Golz der Holzhof. Wir haben Liesel Montag vormittags auf zwei zusammengebundene Rodelschlitten gebettet. Fr. Kuchmann, Norbert und ich. Unsere Angst war unbeschreiblich, in die Friedrichstraße waren die Russen erst Sonntag einmarschiert. Das Krankenhaus war nicht so voll, als das es nicht funktionsfähig war. Nur im Keller war Notstrom; im Keller waren Juden, die man am Samstag (20.Januar 1945) durch unsere Straßen – Petersdorfer-und Hegenscheidtstraße – barfuß in dünner Streifenkleidung bei 23° Kälte mit deutschen Wachposten führte. Als wir das sahen wussten wir, was uns erwartet. Liesel wurde die Kugel entfernt, das Blut sickerte stetig aus. Fr. Kuchmann, Norbert und ich besuchten sie noch am nächsten Tag; am Tag darauf war sie gestorben, mit dem letzten Wort: „Mama“. Wir bekamen von Grete Galler einen eichenen Sarg, Truhe, sehr kostbar, der sollte für den alter Galler sein. Er starb als alter Mann, als P.G. (Parteigenosse – NSDAP). Diabetes. Kaufmann Cibis, kein P.G. wurde als Bourgeois (reich) abgeführt, er starb auch unterwegs, weil alt, schwach + Kälte.
Um Liesel als Leiche abzuholen hatte ich versagt, ich weinte und schrie, hatte keine Kraft mehr. Mein Kind war 13 Monate alt. Schwiegermutter sagte: In diesem Zustand sollte ich an das Kind denken. Frau Laband ist wohl mitgefahren, d.h. Schlitten gezogen. Der Weg war für junge Frauen sehr gefährlich.

II      Als wir auf dem Weg ins Krankenhaus mit Liesel waren, schneite es, aber Sonne war auch, sehr kalt. Liesel fing die Schneeflocken als Durst stillend auf. Wir suchten Arzt + Hilfe in der (Landes)Frauenklinik; diese war leer, ich ging hinein, schrecklich, das große moderne Haus, Türen auf, Betten leer, meine Hilferufe halten mir zurück. Rohrbrüche, das Wasser war gefroren auf Fluren + Treppen. Angst trieb mich aus dem Gebäude, es hätten russische Soldaten drin sein können und ich wäre dann ein „gefundenes Fressen“ für sie. Wieder auf der Straße kamen deutsche Männer mit weißen Armbinden und zeigten uns, dass die Frauenklinik Dr. Kalla bewohnt sei, der Schornstein raucht. Wir erhofften da Hilfe.
Dr. Kalla u. Frau Feld waren „marschmäßig“ angezogen, feste Schuhe; er wies uns in die Friedrichstraße (Städtisches Krankenhaus), er hätte keinen Strom. Zwei Stunden später war er erschossen. Er wollte seine Krankenschwester vor Gewalt schützen. Fr. Dr. Kalla war auch Ärztin, blieb mit vier Kindern in Polen, sind dann erst 1957 herausgelassen worden.
Vorbei am Reichspräsidentenplatz, im Torbogen von der „Volksstimme (Zeitung bis zur Nazizeit) waren tote Zivilisten; die hatten das Unglück in den reichen Wohnungen zu leben, sind erschossen worden, wohl als P.G. Zahl wohl an die 30, nur Männer. Tote Soldaten mit Schnee bedeckt lagen vereinzelt. Das „Haus Oberschlesien“ brannte, wer sollte es löschen und womit, es brannte wohl eine Woche.
Im Krankenhaus selbst trafen wir die schöne Krankenschwester Matuschzek. Sie dürfte jetzt in Stuttgart leben. An die Schwester Urzendnik kann ich mich nicht erinnern. Es waren nur drei deutsche Ärzte Frau Dr. Cluba, sehr jung, Tochter vom Großhandelskaufmann. Ein Arzt hatte nur einen Arm + noch ein junger Arzt. Die ganze Krankenhausbelegschaft ist am Donnerstag (25. Januar 1945), bevor der Russe einmarschierte evakuiert worden, darunter war auch Erika Brodocz, Krankenschwester. Nachträglich wurde sie zum Offizier ernannt, das erfuhr sie nach 20 Jahren.

III.      Fr. Kuchmann und Norbert brachten Liesel an unserem Haus vorbei, dann gleich auf den Friedhof. Der Sarg wurde geöffnet. Liesel im hellblauen warmen Nachthemd so schön wie Schneewittchen, nur das Wunder vom lebendig werden blieb aus. Die Sonne schien, es war frostig, wohl so um Mittag herum, alle Frauen die in unserem Haus versteckt waren kamen heraus, um Liesel noch einmal zu sehen. Wenn das die Russen gesehen hätten, wo die Panienki waren, fast der ganze Luziaverein. Mein Kind, 13 Monate, hat Liesel im Sarg gleich erkannt und wollte zu ihr, als wäre der Sarg ein Bett.....“
So viel ein glaubwürdiger, bislang unveröffentlichte Augenzeugenbericht.

Max Czerwensky ergänzt im seinen Buch (Seite 97)
: - “Ich habe Liesel Kuchmann einige Tage später beerdigt. Es war meine erste Beerdigung wenige Tage nach dem Einmarsch der Russen, und es war eine Beerdigung auf ungewöhnlichem Wege. Der Sarg war auf einem Handschlitten gestellt und festgebunden worden. Wir mussten den Weg über die schneebedecken Felder nehmen, dann vorsichtig die Böschung zur Autobahn hinunter – und auf der anderen Seite wieder hinaufgehen, bis wir zum Friedhof kamen (an der Adalbertstr. - heute ul. św. Wojciecha). Später ist ein Grabstein auf dem Grabe dieser Märtyrerin errichtet worden . Er erinnerte auch an die vielen Märtyrer und Märtyrerinnen von damals, die gleich daneben, in dem großen Massengrab bestattet worden waren.“

Liesel Kuchmann war ein von fast 1500 Opfern des sowjetischen Terrors in Gleiwitz gewesen. Allein in den Kirchenbüchern der katholischen Gemeinden sind 817 Erschossene eingetragen worden /Quelle: J.Bonczol, Rok 1945, Beitrag in der Monografie „Historia Gliwic“, Gliwice 1995, Seite 429). Um diese Opfer der Vergessenheit zu entreißen, ist nach jahrelangen Diskussionen bezüglich des Ortes sowie der Inschrift, ein Mahnmal auf dem Alten Coseler Friedhof errichtet worden. Dank der entscheidenden Unterstützung des Präsidenten, Professor Frąckiewicz, ist die Initiative des Gleiwitzer Kreises am 3. Dezember 2005 Wirklichkeit geworden. Man einigte sich auf die folgende zweisprachige Beschriftung: Zum Gedenken an die während der Kriegshandlungen im Januar 1945 durch sowjetische Truppen ermordeten Gleiwitzer. Sie sind nicht vergessen – sie mahnen uns zu Frieden und Toleranz. Oberbürgermeister der Stadt Gliwice – Verein Gleiwitzer Kreis.
Liesel Kuchmanns Tod hat noch eine metaphysische – wunderbare – Komponente. Georg Sachnik, Jugendfreund des Opfers, war überzeugt gewesen (was er dem Verfasser persönlich offenbarte), dass ihn Liesels letzter Aufschrei dem Tod im Kriegsgefangenen-Lager am unbekannten Ort, einem Steinbruch in der südlichen Sahara, entrissen hatte.

Gerhard-Paul Fabian, Neuwied. Dezember 2012

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(Hier möchte ich einige Ausschnitte aus dem Buch "Oberschlesische Passion" wiedergeben)


Bei Kriegsbeginn ahnten die Menschen nicht, was auf sie zukam. Fotos aus dieser Zeit zeigen zufriedene Menschen, die mit Freunden unterwegs waren, die wanderten und feierten. Noch spürte man die Auswirkungen der Nacht vom 31. August nicht. Es gab genügend Lebensmittel und auch sonst waren die Geschäfte gut gefüllt.
Der jungen Familie von Siegfried und Elisabeth ging es gut. […]

  Nur – lange hielt dieses Glück nicht an. Siegfried musste immer öfter Fahrten für Kollegen übernehmen, da viele eingezogen worden waren. Er wurde verschont, da er fleißig und immer einsetzbar war. Er war als „unabkömmlich“ eingestuft worden. Erst Jahre später, lange nach Kriegsende, konnte Siegfried über diese Fahrten sprechen.
   Es waren Züge, die nach Auschwitz gingen. Tag und Nacht war nun Siegfried im Einsatz. Auf unsere späten Fragen, ob er denn nicht hätte ablehnen können, sagte er, dass es seine Existenz und die seiner Familie gefährdet hätte.
   Diese Fahrten waren streng geheim. Die Züge wurden kurz vor dem KZ Auschwitz abgekoppelt und von SS-Leuten übernommen. Dass etwas Schreckliches in dem Lager geschah, ahnten die Lokführer. Der Oberlokführer, der mit Siegfried diese Züge fuhr, sagte sibyllinisch: „Das Unrecht werden wir noch bitter büßen müssen.“ Ahnungsvoll und angstvoll verschwieg man, was man sah. Für seinen Einsatz bekam Siegfried während einer feierlichen Kundgebung im Haus Oberschlesien das „Eiserne Kreuz“ für unermüdlichen Einsatz bei der Deutschen Reichsbahn verliehen. Liesel nahm diese Auszeichnung entgegen. Siegfried war im Einsatz. Siegfried hat diese Auszeichnung lange verschämt tief in einer Schublade versteckt. […]

   Die Front kam immer näher und die Umstände, die nun alles veränderten, wurden auch Erika im Alter von sechs Jahren bewusst. So fiel ihr auf, dass überall Schutzgräben gebaut werden mussten. Das waren vor den Häusern aufgeschüttete Hügel, die vermutlich die Häuser schützen sollten. Nur - wie das funktionieren sollte, war dem Kind schleierhaft. Für diese Arbeiten wurden russische Gefangene herangezogen. Oft gingen Mutter und Kinder an der Brauerei in Petersdorf vorbei und Mutter warf den dort arbeitenden Gefangenen, die in Kellerschächten hinter Gittern zu sehen waren, Zigaretten und etwas Essbares hinunter. Diese Gesten veranlassten Erika auf dem Weg zur Schule, ständig zu schauen, wem sie ihr Butterbrot schenken könnte.
   Als aufmerksames und wissbegieriges Kind fiel ihr die Haltung ihrer Eltern in bestimmten Situationen auf. Besonders dann, wenn Vater das Radio anstellte und der typische bum,bum,bum,-Ton erklang mit dem Hinweis: „Hier spricht der Londoner Rundfunk“. Dann wurden Türen und Fenster dicht gemacht und Vater hing mit dem Kopf am Lautsprecher des Volksempfängers… Es wurde geflüstert und nur spärlich bekam das Kind Antworten. Es hieß lediglich: „Es darf niemand wissen, dass wir diesen Sender hören.“ Auch erklärte Vater, nachdem er feststellen konnte, dass seine Tochter mit ihren 6 Jahren bereits in der Lage war seinen Gedanken zu folgen, die Situation in Deutschland und in der Welt. Als 6-jähriges Kind hatte sie bereits erfahren, dass man bestimmte Geheimnisse bewahren musste. Wenn der Blockwart angekündigt war, und Vater das Heiligenbild umdrehte, wunderte sich das Kind nicht mehr. Auf der anderen Seite des Heiligenbildes war nämlich das Bild von Adolf Hitler, das Vater aus der Zeitung ausgeschnitten hatte. Es sollte so aussehen, als ob die Familie Regimetreu wäre. Wenn der Blockwart dann sagte: „Heil Hitler“ dann sagte Vater: „Ja, ja …“ und ging zum Thema über. War der Blockwart wieder weg, wurde das Bild wieder umgedreht und der hl. Bartholomäus hielt seine schützenden Hände über uns.
   Meldungen über kriegerische Auseinandersetzungen interessierten ein Kind wenig. Noch herrschte Ruhe in Schlesien. Lange jedoch währte diese trügerische Ruhe nicht.

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